8 Barbara – aus Schlesien nach Bordesholm nach Namibia und wieder nach Bordesholm

Ein tiefes eigenes Fremdheitsgefühl macht Barbara hellhörig für die Erfahrungen geflüchteter Menschen.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges floh sie mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Schwestern aus dem schlesischen Erholungsort Oberschreiberhau nach Westen. Der Ort liegt im Riesengebirge, unterhalb der Schneekoppe, in der Nähe der Elbquelle. Heute heißt er Szklarska Poreba und gehört zu Polen. Wenn Barbara später unglücklich war, träumte sie sich hierher zurück, auf die Waldwiesen und zum Blaubeerpflücken.
Fünf Jahre war sie alt, als ihre Flucht in den Westen Deutschlands begann. Manche Eindrücke von unterwegs sind ihr lebhaft im Gedächtnis geblieben, volle Eisenbahnwagons, die mit Rucksack und Koffern bepackte Mutter, die Sorge um die beiden jüngeren Schwestern, auf die Barbara im Gedränge achtgeben sollte, die wunderbar warme Suppe vom Roten Kreuz am Schlesischen Bahnhof in Berlin, wo die Familie einen Tag und eine Nacht verbrachte.
Die erste Zwischenstation ihrer Flucht war Premnitz bei Rathenow. Weil sich im Ort eine Fabrik für Panzer befand, wurde er von der britischen Luftwaffe bombardiert. Es war wichtig, Schuhe, Jacke und Rucksack neben dem Bett zu haben, um bei nächtlichem Bombenalarm sofort losrennen zu können. Vier Monate von Januar bis April 1945 verbrachte die Familie hier und reiste dann weiter zu einer Verwandten in Hamburg, die für sie ein Quartier in einem Pastorat in der Nähe von Stade organisierte. Die Zeit im Pastorat war paradiesisch, erinnert sich Barbara, weil sie hier ein Kaninchen als Haustier geschenkt bekam und weil die Kinder im Obstgarten Fallobst sammeln durften. Die vielen Äpfel bedeuteten Fülle, Überfluss und pures Glück. Himmel-und-Erde aus Äpfeln und Kartoffeln wurde Barbaras Lieblingsgericht. Wenn sie Kinder aus dem Dorf traf, merkte sie, dass sie anders sprach als die Einheimischen, und fühlte sich zum ersten Mal fremd.
Dieses Gefühl vertiefte sich in Cuxhaven, wo die Familie 1946 eineinhalb Zimmer bezog. Hierher kehrte ihr Vater aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück, hier wurde Barbaras jüngste Schwester geboren, hier wurde sie selbst 1947 eingeschult. Ihr Vater, ein Zahnarzt, konnte bald nach seiner Rückkehr wieder arbeiten. Ihm kam zugute, dass er in den USA die neuesten Methoden, Techniken und Instrumente der Zahnmedizin kennengelernt hatte. Schon 1947 bekam die Familie eine Wohnung. Barbaras Mutter wurde nicht warm in der neuen Stadt, und ihr Fremdheitsgefühl, so glaubt Barbara heute, übertrug sich auf sie selbst als älteste Tochter. In ihre Schulklasse gingen die Kinder der Cuxhavener Industriellen, doch Barbara wusste nicht einmal wer Frauke Mützefeldt, Spross der Eigner von Cuxhavens größter Werft, war. Niemand half ihr, sich zurechtzufinden. Das Gefühl, fremd zu sein, setzte sich fest. Als Barbara Deutsch studierte, Lehrerin wurde und in Schleswig-Holstein eine Familie gründete, war es keine Quelle von Schmerz mehr, sondern eine einfache Tatsache.
Es schärfte ihr Gespür dafür, wie es den Flüchtlingen gehen mochte, die Ende der achtziger Jahre aus Zaire, Togo, Kamerun und Nigeria nach Bordesholm kamen. Sie übersetzte für sie, sprach in der Gemeinde der Christuskirche über deren Situation, fand Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Die Gruppe sammelte Fernseher und Kühlschränke, die in den Unterkünften fehlten, und organisierte Sprachkurse. Vor allem aber besuchten sie die Menschen, schenkten ihnen Aufmerksamkeit und Zeit.
Barbara erklärte deutsche Gesetze und Bildungsmöglichkeiten, sie zeigte den Neuankömmlingen Wege auf, die sie dann selbst gehen mussten. Wenn Pläne scheiterten, war sie da und ermutigte zu einem zweiten oder dritten Anlauf. Heute rät sie Unterstützerinnen und Unterstützern, sich mehr abzugrenzen, als sie es damals tat. Die Arbeit habe sie ausgelaugt, ja aufgefressen. Die Entwurzelung vieler Flüchtlinge erschreckte sie und nährte in ihr den Wunsch, etwas zu tun, damit Menschen gar nicht erst fliehen müssen. Gern hätte sie in einem der ostafrikanischen Länder gearbeitet, aus denen sie so viele Menschen kennengelernt hatte, doch weil dort die politische Lage zu instabil war, ging sie nach Namibia, um Lehrerinnen und Lehrer fortzubilden. Von Anfang an ignorierte sie den Ratschlag, zum Schutz vor Skorpionen Stiefel zu tragen. Sie lief in Sandalen durch die Stadt, durch die Savanne, durch das Lehrerfortbildungsinstitut und durch die Dörfer, in denen sie ihre Kolleginnen und Kollegen besuchte. Im Wüstenland Namibia sammelt sich in geschlossenen Schuhen rasch Sand, in Sandalen sickert er herein, aber er rieselt auch wieder hinaus, erklärt Barbara. Sie habe etwa ein halbes Jahr gebraucht, um sich an die Wertvorstellungen in Namibia zu gewöhnen, wie wichtig zum Beispiel Freundlichkeit sei und wie absolut unwichtig Pünktlichkeit. Doch von Anfang an habe sie sich willkommen und herzlich aufgenommen gefühlt. Es sei das Gegenteil zu den Erfahrungen ihrer Jugend gewesen.
Ein Interview mit Barbara und einen Song über sie gibt es hier:

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